#24 Anvertrauen

Text von Elke Leithner-Steiner

Licht der Lianenfrau - Weibliche Kraft leben - Malerei Ausdruck von  Emotion mit Licht, Farbe und Form. Acryl auf Leinwand, 40x120 cm. Titel: Orakel & Botschaft, birgitneururer.com
Kunst von Birgit Neururer

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Manchmal, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, nehme ich die Abkürzung über den Friedhof. So ist es auch heute. Schon von weitem fällt mir eine Gestalt auf, die auf einem Hocker vor einem Grab sitzt. Ich weiß sofort, wer es ist. Die Abkürzung führt mich immer an diesem Grab vorbei.

Es war ein schrecklicher Unfall, schon vor einigen Jahren. Die kleine Tochter der Frau ist dabei gestorben. Die Leute sagen, sie kommt seither täglich hierher. Man sieht sie oft vor dem Kindesgrab sitzen.

Ich steige vom Fahrrad ab und schiebe es die letzten Meter. Seltsamerweise habe ich den Impuls, der trauernden Mutter ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Als ich bei der Frau ankomme, stelle ich mein Fahrrad ab, grüße sie leise und frage, ob ich ein bisschen bleiben darf. Die Frau nickt wortlos, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Also setze ich mich neben sie auf den Boden und beide blicken wir schweigend vor uns hin. Ich sehe den eingravierten Namen des Mädchens im einfachen Holzkreuz und empfinde aufrichtiges Bedauern über sein kurzes Leben.

Auf einmal fällt ein Sonnenstrahl direkt auf das Kreuz und unmittelbar dahinter erblicke ich meine mir wohl vertraute Lianenfrau. Ihre Ausstrahlung erscheint mir heute noch gütiger und liebevoller als sonst schon.

Sie ist meine Verbündete im Geist – so ihre Worte, als wir uns kennenlernten. Jawohl, das ist sie, denke ich jetzt und merke, wie mir dabei warm ums Herz wird.

Die trauernde Mutter scheint auch etwas wahrzunehmen, denn sie hebt ein wenig ihren Kopf. Da wird das Licht um das Holzkreuz stärker …

Innere Welt

Zu meinem Erstaunen spricht die Lianenfrau die Trauernde direkt an:

„Deine Tochter wurde schon lange weitergetragen in die Arme von Mutter Maria.“

Bei der Erwähnung der Gottesmutter dreht sich die Lianenfrau nach hinten um und aus dem Licht taucht nun tatsächlich die Gestalt von Mutter Maria auf. Ich starre die Frau auf dem Hocker an. Kann sie auch sehen und hören, was ich gerade sehe und höre? Sie sitzt jedenfalls mit einem erschrockenen Blick aus weitaufgerissenen Augen da.

Meine Lianenfrau ist nach hinten ins strahlende Licht verschwunden. Vor uns steht allein Mutter Maria und hält an einer Hand das Jesus-Kind und an der anderen Hand ein kleines Mädchen. Das muss die verstorbene Tochter sein, denke ich sofort.

Der Anblick der Drei ist sehr berührend. Es ist eindeutig, dass sich die Kinder bei Mutter Maria sehr gut aufgehoben und geborgen fühlen. Beide, auch das kleine Mädchen, sind zweifellos glückliche Kinder am richtigen Platz.

Das scheint wohl auch die irdische Mutter zu spüren, denn jetzt beginnt sie zu weinen. Erst rinnen ihr die Tränen lautlos über die Wangen, dann immer heftiger. Doch ihr Gesichtsausdruck ist dabei nicht unglücklich.

Instinktiv spüre ich, dass es kein anklagendes, schmerzerfülltes Weinen ist. Nein, es klingt vielmehr nach Erleichterung, Erlösung sogar. Als nach einer langen Weile das Weinen etwas ruhiger und wieder leiser wird, höre ich Mutter Maria zur Frau sprechen:

„Zuerst war deine Zeit als Mutter. Mütter sind ihren Kindern immer nur Heimatgebende für bestimmte Zeit.

Jetzt ist meine Zeit als Mutter. Es ist ein Weiterreichen von Mutter zu Mutter. Niemals aber ist ein Kind ohne Mutter.“

Eine wunderbar sanfte und tröstende Welle der Liebe erfasst bei diesen Worten sowohl die Frau als auch mich, hüllt uns beide ein und hält die Zeit für lange heilsame Momente an.

Zurück in der Realität

Viel länger als gedacht, verweile ich noch vor dem Grab. Es ist ganz still um uns herum. Alles ist, so wie immer, eingehüllt in natürliches Tageslicht. Die Frau neben mir hat noch die Augen geschlossen und atmet tief und ruhig.

Irgendwann erhebe ich mich schwerfällig mit etwas steif gewordenen Beinen, streife zum Abschied sanft mit meiner Hand über die Schulter der Frau und setze meinen Weg mit dem Fahrrad fort.

Später habe ich gehört, dass die Frau nicht mehr so häufig ans Grab ihrer Tochter kommt und sich jedes Mal mit einer Kusshand verabschiedet …

Erkenntnis

Trost ist ein heilkräftiges Gefühl.

Text von Elke Leithner-Steiner

Kunst von Birgit Neururer

#01 zum Anfang der Geschichte

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